Home Deutsche Sprache, ... Straßenbahn hat vorrang! Wie bitte?

Besserwisser mag niemand. Ich auch nicht. Daher halte ich mich fast immer zurück, wenn jemand bei der deutschen Sprache daneben greift. Schließlich erzähle ich auch genug Blödsinn, wenn der Tag lang ist. Und nicht jeder kann immer alles wissen. Doch wenn ich sehe, dass von hochoffizieller Seite Schindluder mit unserer schönen Sprache betrieben wird, kann ich nicht meine Klappe halten. Schon gar nicht, wenn es sich dabei um einen ganz eindeutigen Fehler handelt. Eigenheiten im Dialekt? Geschenkt! Schusseligkeit? Was soll’s! Aber ein schwarz auf weiß im Schilderwald manifestierter Fehler? Ohne mich!

Der Mannheimer Süden bekommt eine schöne neue Haltestelle. S-Bahn, Straßenbahn. Züge, Busse, Parkplätze, elektronische Anzeigen – der ganze tolle, neumodische Schnickschnack, der jedes Pendlerherz höher schlagen lässt. Momentan sieht das noch alles sehr nach Baustelle aus, aber zu- und aussteigen kann man bereits. Und wunderbare Hinweisschilder anschauen geht auch schon. Da steht unsereins an einem frühen Montagmorgen am Bahnsteig und meint, noch im Bettchen zu träumen: Die Straßenbahn „hat vorrang“ steht da ganz klar und deutlich auf einem Hinweisschild. Auf einem? Auf allen!

Vorrang

Nun neigen Skeptiker wie ich dazu, erst einmal ihr eigenes Wissen in Frage zu stellen. Darf man das vielleicht mittlerweile so schreiben? Kann ja sein, schließlich lese ich nicht jede Duden-Auflage von vorne bis hinten. Also zücke ich mein Handy und starte die Suche. Und siehe da: Ich habe tatsächlich nichts verpasst. Vorrang ist weiterhin ein Substantiv und wird weiterhin groß geschrieben. Der Vorrang. Das gilt selbstverständlich auch, wenn das Wort ohne Artikel gebraucht wird: Die Straßenbahn hat Vorrang. Trotzdem groß.

In solchen Momenten zweifle ich ein bisschen am Verstand gewisser Arbeitskreise. Mit Sicherheit gibt es doch Vorlagen für solche Schilder. Warum greift man nicht darauf zurück? Dass es richtig geht, zeigen die Schilder in der Mannheimer Innenstadt, denn hier haben die Bahnen und Busse tatsächlich „Vorrang“. Warum guckt kein zweiter Kollege über die Bestellung? Fällt niemandem in der Schilderdruckerei auf, dass man bisher alle anderen Schilder anders geschrieben hat? Leute, die die Aufträge ausführen, die Pakete auspacken, die Schilder verteilen, aufhängen … Niemandem ist dieser Fehler aufgefallen? Wahnsinn! Sicherlich ist ein kleines v kein Weltuntergang. Aber haben Behörden und öffentliche Unternehmen nicht eine Vorbildfunktion und Verantwortung?

Ich überlege ernsthaft, ob ich vielleicht bei einer Nacht-und-Nebel-Guerilla-Aktion mit einem Edding bewaffnet die beiden Striche des V verlängere. Ich darf gar nicht darüber nachdenken, wie viele Schüler jeden Morgen und Nachmittag an dieser Haltestelle ein- und aussteigen. Jeden Tag sehen sie diesen Fehler – und steter Tropfen höhlt den Stein. Besteht überhaupt der Hauch einer Möglichkeit, dass sich diese Schreibweise nicht einbrennt?

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