Home Deutsche Sprache, ... Dieses verdammte Fugen-S!

Fugen-S
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Die Frage nach dem Fugen-S kann hier und da zu hitzigen Debatten führen. Manch einer verwendet es großzügig. Andere würden es am liebsten ganz streichen. Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Vorschub leistet solchen Debatten der Duden, der sich mal wieder eindeutig zweideutig gibt. Heute versuche ich etwas Ordnung in dieses Chaos zu bringen – und ich verrate, wie ich persönlich diese Sache handhabe.

Das Fugen-S fügen wir ein …

  • … wenn der erste Teil des Wortes ein substantivierter Infinitiv ist.
  • z. B. Verfahrensweise, Schlafenszeit, sehenswert, sterbenslangweilig.

  • … wenn der erste Teil des Wortes ein Substantiv auf -ung, -tum, -ling, -tät, -heit, ion usw. ist.
  • z. B. Handlungsweise, Neutralitätsbeweis, Schönheitskönigin, Fakultätsleiter, Frühlingssonne, Migrationshintergrund, Altertumsforschung.

  • … wenn der erste Teil ein bestimmtes Wort ist.
  • z. B. Armutsfalle, Liebesbeweis, Hilfsgüter oder Geschichtslehrer.

Der letzte Punkt zeigt, dass es keine einzig wahre Regel zum Thema Fugen-S geben kann – schließlich kann alles eine solche Ausnahme sein. Wer kennt schon die vollständige Liste?

Das Fugen-S fügen wir NICHT ein …

  • … wenn der erste Teil des Wortes feminin ist, einsilbig oder auf -e endet (was z. B. auf „Liebe“ zuträfe – aber nein, das ist ja eine der oben genannten Ausnahmen)
  • z. B. Hitzewallung, Kurschatten, Nachtschlaf, wutentbrannt.

  • … wenn der erste Teil ein feminines Fremdwort ist und auf -ur oder -ik endet.
  • z. B. Physiklehrer, Mimikfalten, Naturschauspiel.

  • … wenn der erste Teil auf -er, -el, -sch, -(t)z, -s, -ß oder -st endet.
  • z. B. Ackerboden, Strudelteig, Fleischverarbeitung, Scherzkeks, Maismehl, Grußkarte, Dunstabzug.

All die Ausnahmen und Unklarheiten beim Fugen-S

Neben diesen Regeln gibt es weitere wachsweiche Vorgaben, die noch nicht einmal ein Germanistik-Student aus dem Stegreif umsetzen könnte. So erhalten schwache, maskuline erste Wortteile kein Fugen-S, sondern ein Fugen-(e)n, z. B. bei Studentenwohnheim.

Daneben haben uns Steuerbehörden verboten, nach irgendwelchen Steuerarten ein Fugen-S einzuschieben – doch der Duden sieht solch einen Einschub weiterhin als berechtigt an. Die Einkommenssteuer ist sprachlich damit absolut richtig, auch wenn das Finanzamt auf „Einkommensteuer“ besteht.

Von dem Verbalabstraktum oder Partizip als Zweitglied fange ich an dieser Stelle gar nicht erst an, denn das würde ins vollständige Chaos führen.

Mein Fazit zum Fugen-S

Ich bin ohnehin der Meinung, dass es dieser ganzen Regeln nicht bedarf. Denn komischerweise machen die meisten Deutschen intuitiv alles richtig, wenn es um die Frage geht: Fugen-S – ja oder neun?

Wenn es sich doof anhört oder beim Sprechen stört, lassen wir es weg. Doch wenn es den Redefluss erleichtert, verwenden wir das Fugen-S. Daher gibt es wohl niemanden, der von einer Damenswahl spricht oder einem Hühnersei, von Hitzesfrei oder Jagdswurst, von einem Kultursschock oder einem Siegelsbruch, einem Hoffnungschimmer, einem Heringsalat oder einem leidenschaftlosen Liebeschwur.

Außerdem gibt es von den Regeln oben so viele Ausnahmen, dass sich das sowieso niemand merken kann. Daher höre ich weiter auf mein Bauchgefühl und nicht auf mein Bauchsgefühl.


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