Home Einfach schön schreiben Wertfreier Journalismus: Welche Adjektive stehen einem Journalisten zu?

wertfreier Journalismus
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Journalisten und Redakteure tun gut daran, sparsam mit Adjektiven umzugehen. Diesen redaktionellen Grundsatz lernen sie in den ersten Stunden ihrer journalistischen Ausbildung. Ein weiterer Grundsatz besagt, dass man wertfrei berichten soll – ohne seiner eigenen Meinung oder den subjektiven Ansichten anderer eine Plattform zu geben. Manch ein Korrespondent nimmt es damit aber nicht so genau.

Wertfreier Journalismus: Der Fall Gurlitt

Tagesthemen in der ARD. Am 7. April 2014 um ca. 22.20 Uhr. Ein Beitrag hatte die Einigung im Falle der Gurlitt-Kunstsammlung zum Thema. Dabei berichtete der Korrespondent, dass vor zwei Jahren nicht nur Bilder in Gurlitts Münchener Wohnung gefunden wurden, sondern auch in seinem „heruntergekommenen“ Haus in Salzburg. (Mediathek)

Hm. An dieser Stelle zuckte ich leicht zusammen. Ist das Wort „heruntergekommen“ im Falle dieser Nachricht tatsächlich unabdingbar? Ist die Einigung in diesem Streit weniger Wert, weil die Bilder zwischenzeitig in einem heruntergekommenen Haus gelagert waren? Wohl kaum! Doch welchen Zweck erfüllt dieses Wort dann?

Meiner Ansicht nach hat dieses wertende Adjektiv einzig den Zweck, Cornelius Gurlitt herabzuwürdigen: „Sehr euch diesen Hallodri an! Solch einem unreinlichen Menschen steht der Besitz solcher Kunstwerke nicht zu!“

Darf ein Redakteur solch einen Unterton in seine Berichterstattung legen? Nein, denn er sollte unabhängig und wertfrei über den Fall berichten. Doch anstatt dieser Rolle gerecht zu werden, maßt er sich an, über einen Menschen zu urteilen. Ein Urteil, das noch dazu für den Beitrag vollkommen unerheblich ist. Oder ist der positive Abschluss dieses Falles nichts wert, weil es das Eigenheim des Herrn Gurlitt nicht in die Zeitschrift „Schöner Wohnen“ schafft?

Wertfreier Journalismus: Eine Utopie?

Diese kleine Geschichte ist eigentlich ganz belanglos, denn letztlich spielt es keine Rolle, ob das Haus in Salzburg tatsächlich heruntergekommen ist oder nicht. Doch was ist mit all den anderen Nachrichten, die wir täglich konsumieren? Den großen Themen, die uns tatsächlich direkt betreffen? Den „geringfügigen“ EEG-Umlagen, den „alternativlosen“ Rettungspaketen und den „unrechtmäßigen“ Volksentscheiden?

Bekommen wir heutzutage tatsächlich unabhängig recherchierten, wertfreien Journalismus aufgetischt? Oder quatschen Journalisten nur das nach, was ihnen souffliert wird? Oder erfindet die vierte Gewalt gar ihre eigenen Wahrheiten?


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