Home Einfach schön schreiben Partizipien vermeiden – der Verständlichkeit wegen

Print Friendly

Der lesende Beobachter dieses Blogs hat längst erraten, dass ich der schreibenden Zunft angehöre. Als handelnde Frau ist es mir ein Anliegen, meine beschreibenden Texte in einer einfangenden Art zu präsentieren. — Und wenn Sie sich gerade fragen, warum ich dafür eine solch furchtbare Sprache wähle, haben Sie das Problem meines heutigen Beitrags bereits erkannt: der unnütze Gebrauch von Partizipien.

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht über ein kompliziertes Partizip stolpere: In Fernsehen, Hörfunk, Printmedien und Internet finden wir sie ständig, die „noch zu lösenden Probleme“, die „stattgefundenen Konferenzen“, die „eingetretenen Katastrophen“ und die „abwartenden Politiker“. Dabei sind diese Partizipien nicht nur kompliziert, sondern manchmal auch falsch.

Wir unterscheiden zwei Arten von Partizipien:

Partizip Präsens: die singende Frau >>> die aktive Form
Partizip Perfekt: das gescholtene Kind >>> die passive Form

Beim Partizip Präsens handelt das Subjekt, das näher beschrieben wird: Die Frau singt = die singende Frau. Beim Partizip Perfekt wird etwas mit dem Subjekt gemacht: Das Kind wurde gescholten = das gescholtene Kind.

Damit zeigt sich, dass die „stattgefundenen Konferenzen“ und die „eingetretenen Katastrophen“ grammatikalisch falsch sind, denn die Konferenzen wurden nicht stattgefunden und die Katastrophen nicht eingetreten. Doch abgesehen davon, sind diese Partizipien auch hässlich und unverständlich.

Das Partizip als Adjektiv

In all meinen Beispielen übernimmt das Partizip die Aufgabe eines Adjektivs – und diese sollten wir nur in Maßen verwenden. Doch im Gegensatz zu einem normalen Adjektiv muten Partizipien zudem unnatürlich an. Oder sprechen Sie in einer Unterhaltung von Ihrem „noch zu mähenden Rasen“ oder Ihren „gehaltenen Vorträgen“? Nein, denn in der mündlichen Sprache hört sich das viel zu hochgestochen an. Daher sollten wir auch unsere Texte nicht so schreiben; egal, ob Briefe, Fernsehkommentare, Hörfunkbeiträge, Pressemitteilungen, Nachrichten oder Blog-Artikel. Unsere Leser werden es uns danken.


4 Kommentare für diesen Artikel
    • Lieber Herr Heidtmann,

      ein sehr schönes Beispiel, vielen Dank!

      Viele Grüße
      Sandra Schwarz

  1. Hallo Frau Schwarz,

    ein längst überfällig gewesen seiender Beitrag. 😉

    Partizipien sind nach meiner Erfahrung oft reine Füllwörter mit null inhaltlichem Brennwert, kommen aber trotzdem erstaunlich oft vor. Wie oft hat man schon vom um die Ecke gelegenen Park, dem im Bau befindlichen Haus oder den häufig gestellten Fragen (als Übersetzung von FAQ) gelesen? Selbst literarische Texte sind nicht von diesen ungelenken Konstruktionen frei. Hypothese zur Ursache: Wer komplizierte sprachliche Konstruktionen beherrscht, demonstriert Bildung und gehobenes Sprachniveau.
    In der Praxis wirkt ein einfacher Trick: Partizip weglassen und Wortreihenfolge umstellen. Der Park um die Ecke, das Haus im Bau und die häufigen Fragen klingen gleich viel natürlicher und verständlicher.

    Viele Grüße

    Kai Bargmann