Home Einfach schön schreiben Einfach schön schreiben: Eine kleine Textkritik

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Nach zweieinhalb Jahren kommunikationsABC wird es immer schwieriger, Tipps für das Schreiben schöner Texte zu finden. Sicherlich gibt es einige redaktionelle Richtlinien, über die ich noch nicht geschrieben habe. Doch die wichtigsten habe ich soweit durch. Daher wird es nun Zeit, die Regeln zu vertiefen. Und dies geht am besten durch widerholen und üben.

Zu diesem Zweck habe ich eine alte Germanistik-Hausarbeit von mir herausgesucht und den ersten Absatz in diesen Beitrag kopiert. Wer findet die Fehler, die mir in einer Journalismus-Hausarbeit besser nicht unterlaufen wären?

Edgar Allan Poes „Die Morde in der Rue Morgue“, die 1841 in der Aprilnummer des Graham´s Lady´s and Gentleman´s Magazine erschienen, gelten gemeinhin als die Gründungsurkunde der Detektivgeschichte. „Die entscheidende Anregung zu seiner Erzählung erhielt der Dichter durch Zeitungsberichte über einen geheimnisvollen Mordfall in Paris, die er frei umgestaltete.“* In dieser Erzählung beschreibt Edgar Allan Poe (19.01.1809 – 07.10.1849) den Mordfall an zwei einsam lebenden Damen in Paris. Madame L´Espanaye und ihre Tochter werden auf brutalste Weise umgebracht und grauenvoll verstümmelt. Aufgrund gegensätzlicher Zeugenaussagen, des vollständig abgeschlossenen Tatorts, des Fehlens eines Motivs und der ungeheuren Brutalität dieses Verbrechens steht die Pariser Polizei vor einem Rätsel. Dieser scheinbar unlösbare Fall wird von C. Auguste Dupin allein durch analytisches Denken und ratiocination aufgeklärt und ein entlaufener Orang-Utan als Mörder „entlarvt“.

Warum ist dieses Textbeispiel kein journalistisch schöner Text?

  • Erster Satz: eingeschobener Nebensatz
  • […], die 1841 in der Aprilnummer des Graham´s Lady´s and Gentleman´s Magazine erschienen, […]

  • Dritter Satz: Klammer
  • […] (19.01.1809 – 07.10.1849) […]

  • Vierter und fünfter Satz: unnötige Adjektive
  • […] auf brutalste Weise […] grauenvoll […]
    […] vollständig […] ungeheuren […]

  • Vierter und sechster Satz: Passiv
  • […] werden auf brutalste Weise umgebracht […]
    […] wird von C. Auguste Dupin […] aufgeklärt und […] „entlarvt“.

  • Fünfter Satz: zu lange Einleitung vor der Satzaussage
  • Aufgrund gegensätzlicher Zeugenaussagen, des vollständig abgeschlossenen Tatorts, des Fehlens eines Motivs und der ungeheuren Brutalität dieses Verbrechens […] – 45 Silben!

Das war eine nette Reise zurück in meinen Uni-Alltag. Würde ich diesen Text heute anders schreiben? Bestimmt nicht, denn diese Hausarbeit war für meinen Germanistik-Professor gedacht – und Germanistik-Professoren stehen auf Einschübe, Adjektive, Passiv und ganz viele Kommata.

* Nachwort. In: Edgar Allan Poe: The Murders in the Rue Morgue. Die Morde in der Rue Morgue. Englisch und Deutsch. Übersetzt und Herausgegeben von Siegfried Schmitz. Stuttgart 1974.S. 95


2 Kommentare für diesen Artikel
  1. Sie sprechen die Ambivalenz des Themas ja selber korrekt an:
    Für den, der sich daran delektieren kann, machen genau die Dinge, die Sie für einen journalistischen Text verneinen, ja gerade einen literarisch anspruchsvollen Text aus! Sage nur einer, Goethe, Fontane oder Thomas Mann hätten nicht wunderschön schreiben können!

    Gewiss, journalistische Berichterstattung ist eine andere Textgattung als Literatur: Der Leser erwartet als Nachricht kurze, verständliche und dennoch präzise Texte.

    Die Frage ist jedoch, wie weit der journalistische Text dem sinkenden Bildungsniveau und der abnehmenden Konzentrationsfähigkeit der Leser folgen muss? Irgendwann erscheinen die Nachrichten dann wohl nur noch als „Comics“?