Home Grundlagen der PR Hauptversammlungen: Fremdscham zuhause lassen!

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Es ist wieder geschafft: Die Öffentlichkeitsarbeiter dieses Landes haben die Hauptversammlungs-Saison 2013 hinter sich gebracht. Sicherlich nahmen auch in diesem Jahr viele interessierte und engagierte Aktionäre teil. Jedes Unternehmen hat solche Aktionäre – jedoch fallen sie neben den anderen kaum auf. Denn in Erinnerung bleiben meist die Gleichgültigen, die Unverschämten, die äußerst Hungrigen, die Sammelnden und diejenigen, denen „der Laden ja schließlich gehört“.

Bisher war ich erst bei fünf Hauptversammlungen zugegen, kurz HV genannt. Allerdings kann ich nicht sagen, dass ich die kommenden herbeisehne. Denn jedes Jahr dachte ich: Es kann nicht schlimmer werden. Doch im Jahr darauf wurde es schlimmer.

Jedes Jahr ein bisschen mehr

Bei meiner ersten Hauptversammlung war ich noch entsetzt, dass das Büffet so schnell leer war. Allerdings begriff ich noch am selben Tage, dass das ganz normal ist. Bei meiner zweiten Hauptversammlung lernte ich, dass man 20 halbe, belegte Brötchen durchaus lose in einer dreckigen Plastik-Einkaufstüte transportieren kann – alles eine Frage des persönlichen Ekelempfindens.

Redner © ioannis kounadeas - Fotolia.comMit der Hauptversammlung im vergangenen Jahr erklommen wir dann eine neue Schwelle der verfressenen Ignoranz, als ein Aktionär nach gerade einmal anderthalb Stunden das Wort ergriff: „Mal ganz ehrlich: Es interessiert doch sowieso keinen, was Sie hier erzählen. Ich stelle den Antrag, dass das Mittag rausgebracht wird!“ Selbst dem HV-Dienstleister klappte in diesem Moment der Kiefer herunter und der ist ja nun wirklich Kummer gewohnt.

Der Gipfel

In diesem Jahr ereignete sich nun folgendes Szenario: Der Einlass zur HV war ab 9.00 Uhr geplant; die ersten Büffet-Touristen waren bereits 15 Minuten vorher da. Unter ihnen auch ein Herr, der einen Aktionär vertrat, der genau eine Unternehmensaktie sein eigen nennt. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie dieses Arrangement zustande kam: „Ich kann nicht zur Hauptversammlung und meine Fress-Dividende einfahren. Geh du für mich hin und schlag dir mal schön den Bauch voll!“

Gesagt, getan. Der Kumpel futterte sich muntere anderthalb Stunden durch die Auswahl an kleinen Kuchen, Joghurts und Sandwiches. Und er futterte. Und futterte. Irgendwann setzte er sich ins Plenum und lauschte der Diskussionsrunde. Doch oh weh, drei Kilogramm Kuchen, Joghurts und Sandwiches gepaart mit diversen Softdrinks und Kaffee forderten ihr Recht, krochen die Speiseröhre zurück nach oben und veranlassten den armen Aktionärsvertreter mitten in den Saal zu kotzen. (Entschuldigung für die Wortwahl – aber Worte wie „brechen“ oder „übergeben“ werden dieser Szene nicht gerecht.)

Ich persönlich hätte mich in Grund und Boden geschämt, wäre nach Hause gefahren und hätte mich verkrochen. Doch nicht dieser werte Herr. Er wusch sich seine Fingerlein – immerhin; danach setzte er sich wieder auf seinen Platz, machte ein Nickerchen und war pünktlich zum Mittagessen wieder fit, das um 12 Uhr aufgetragen wurde. Als ich um halb vier die Biege machte, holte er sich seinen geschätzt 37. Teller.

Und die Moral dieser Geschichte

Hauptversammlungen sind ein Gruselkabinett und jeder Helfer ist gut beraten, seine Ekelgrenze nach unten zu schrauben und seine Fremdscham daheim zu lassen.

Ich hoffe, dass ich niemals wieder auf eine HV muss. Denn mal ehrlich: Was passiert als nächstes? Gerate ich in die Spuckbahn? Nein, danke!