Home Einfach schön schreiben Kein schönes Deutsch: Paradigmenwechsel und Fiskalklippe

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Es wird mal wieder Zeit, dass ich mich etwas über das Gewäsch unserer Politiker aufrege. Da schwafelt der eine etwas von einem Paradigmenwechsel. Der andere warnt vor der Fiskalklippe und der nächste schwärmt von der innovativen Dynamik der progressiven Sozialreformen… oder so ähnlich. Der normale Bürger versteht derweil nur Bahnhof und wartet vergeblich auf eine Übersetzung in Normalo-Deutsch durch die Medien.

Wikipedia erklärt: Ein Paradigmenwechsel bezeichnet, „den Wandel grundlegender Rahmenbedingungen für einzelne wissenschaftliche Theorien“. Doch wie passt das mit der Herdprämie und der Abschaffung der Praxisgebühr zusammen? Gar nicht! Umgangssprachlich steht der Paradigmenwechsel jedoch immer häufiger für einen großen Umbruch – egal in welchem Zusammenhang. Die Regierung spricht von einem Paradigmenwechsel, wenn sie Eltern mit 100 Euro besticht, damit diese keinen Kita-Platz verlangen. Wenn der Fischerverein Hintertupfingen nach zwanzig Jahren einen neuen Vorsitzenden wählt, schwafelt die lokale Presse etwas von einem Paradigmenwechsel. Und wenn der Tante-Emma-Laden an der Ecke Sojamilch ins Sortiment nimmt, erkennt Stammkunde Prof. Dr. Kleinewitz einen Paradigmenwechsel. Für den normalen Bürger ist dieses Wort unverständliches Gewäsch. Daher sollten es Journalisten nicht verwenden und stattdessen ein deutsches, treffendes Wort wählen.

Aktuell in aller Munde ist zudem der Begriff Fiskalklippe. Die Demokraten und Republikaner in den USA müssen sich bis Ende des Jahres auf ein Konzept einigen, wie sie den US-Haushalt sanieren wollen. Geschieht dies nicht, kommt es 2013 zu Steuererhöhungen und automatischen Budgetkürzungen, was wahrscheinlich zu einer Rezession führen würde. Dieses Szenario macht die Finanzmärkte und Wirtschaftsjournalisten nervös. So nervös, dass sie lauthals vor dieser Fiskalklippe warnen – jedoch viel zu selten erklären, was sie damit meinen. Sicherlich ist dieses Wort kurz und prägnant und vereinfacht Diskussionen in Fachkreisen. Jedoch sollten sich Journalisten immer fragen, ob sie es ihren Lesern ohne Übersetzung zumuten können.


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