Home Grundlagen der PR Journalisten zwischen Sensationsgier und Menschenwürde

Nachrichtenwert, Formulierung, Pressetext
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Mein heutiges Thema will nicht so recht in eine meiner Rubriken passen. Jedoch gehört es in dieses Blog, denn es zeigt ein Dilemma, in dem viele Journalisten stecken. Und leider scheitern sie immer öfter. Die Rede ist von der Suche nach interessanten, mitreißenden Meldungen – die schnell in reinste Sensationsgier umschlägt.

Wie so oft stellt sich auch hier die Frage: Wer war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Reagieren Journalisten nur auf die Sensationsgier ihres Publikums? Oder schaukelt sich das Publikum immer weiter hoch, weil es mit Reizen überflutet wird? Wo hört die Berichterstattung auf? Und wo fängt ekelhafter Voyeurismus an?

Das Beispiel Babak Rafati

Samstagabend, der 19. November 2011, 18.00 Uhr, die Sportschau beginnt. Doch die Spiele der dritten Liga werden nicht gezeigt. Grund dafür ist der Selbstmordversuch des Bundesliga-Schiedsrichters Babak Rafati. Ein weiteres schlimmes Beispiel dafür, wie groß der Druck im Profisport ist? Man weiß es nicht. Da man nichts weiß, könnte man erst einmal den Mund halten – aus Respekt vor Herrn Rafati oder aus einer moralischen Verpflichtung heraus. Man könnte. Aber man tut es nicht. Es wird wild spekuliert und in jedem Detail gestochert, das man finden kann. Sieht so verantwortungsvoller Journalismus aus?

Den Vogel schießt jedoch DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in seiner Pressekonferenz ab. Sinngemäß bittet er die anwesenden Journalisten um Verständnis, dass er nicht ins Detail gehen wolle – um in der nächsten Sekunde von einer Badewanne und Unmengen Blut zu berichten. Wenn das keine Details sind, was denn bitte sonst? Statt einfach zu sagen, dass sich Herr Rafati die Pulsadern aufgeschnitten hat, liefert Dr. Zwanziger zwei Details, die ich persönlich gar nicht habe hören wollen. Für mich stellt sich die Frage, wer hier sensationsgeil ist: Der Zuschauer, der eine Information aufgezwungen bekommt? Oder ein DFB-Präsident, der offensichtlich jegliches Gefühl für Pietät verloren hat?

Verantwortung der Journalisten

Bei dieser ungeschnittenen Pressekonferenz waren die Journalisten selbst Zuschauer – allerdings greifen auch sie viel zu oft daneben. Ich denke dabei u. a. an Bilder von Autounfällen und Hinterbliebenen-Interviews nach Katastrophen. Noch vor ein paar Jahren zügelten wenigstens die öffentlich-rechtlichen Sender ihre Sensationslust und blendeten an zu grausamen Stellen aus. Heutzutage wird jede U-Bahn-Prügelei bis zur letzten Sekunde gezeigt – am liebsten mit Zoom und einem Standbild während der Nachrichtenansage, das wenig Platz für Interpretationen lässt.

Ich persönlich kann diese Lust auf Schmerz, Elend und Ekel nicht nachvollziehen. Sollten Journalisten nicht eine moralische Verantwortung haben, eben nicht alles zu zeigen? Es ist egal, ob Huhn oder Ei – es ist einfach eine Frage von Menschenwürde und Anstand! Selbst wenn das Publikum nach Blut und Tod schreit: Sollten wir liefern, um die Quoten zu erhöhen? Oder sollten wir etwas öfter auf unser Gewissen hören? Eigentlich keine Frage, oder?

2 Kommentare für diesen Artikel
  1. Sie sprechen mir aus dem Herzen!

    Was sich die Sportschau-Redaktion in den ersten 30 Minuten der Samstagssendung geleistet hat, widerspricht m.E. jeglichen journalistischen und ethischen Normen.

    R. Beckmann (sic!) präsentierte „Beiträge“, die vor Sensationsgier, geheucheltem Mitgefühl und Scheinheiligkeit strotzten – und einen DFB-Präsidenten, der einem schlicht die Sprache verschlug…

    Möchte gern wissen, ob sich die ARD-Verantwortlichen auch in diesem Falle auf den ihnen obliegenden ö-r Informations- und Bildungsauftrag berufen möchten…

    Wie man es hätte machen sollen (bzw. müssen!) zeigte am Sonntagabend Arnd Zeigler im WDR. Er benötigte nur knapp 1 Minute, um zu informieren, Kollegenleistungen zu kommentieren und den Angehörigen seine Anteilnahme zu bekunden (http://www.wdr.de/tv/sport_zeigler/). DANKE, Herr Zeigler!