Home Neudeutsch für Anfänger Bist du noch online oder lebst du schon?

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Die Erde. Begrenzte Weiten. Wir schreiben das Jahr 2011 n. Chr. Laptop, BlackBerry, Netbook, iPhone und Tablet-PC: Tragbare Computer und Smartphones sind auf dem Vormarsch. Sie tarnen sich als Entlastung für den Alltag, Sicherheit durch ständige Erreichbarkeit, Spiel und Spaß. Dabei sind sie kaltblütige Mörder. Und abgesehen haben sie es auf Freizeit und Anonymität.

Wenn man in unserer heutigen Welt bestehen will, muss man online sein. Und das am besten 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Arbeitgeber zeigen sich großzügig und spendieren Smartphones und Tablet-PCs. Der Mitarbeiter freut sich und streicht die „nette Geste“ dankbar ein. Stolz zeigt er seinen Freunden, dass er von unterwegs E-Mails abrufen und ins Internet gehen kann. Die Freude legt sich schnell. Meist Samstagsabends bei der Sportschau – wenn der Chef anruft und SOFORT die Präsentation XY haben will. Ausreden zwecklos, schließlich bekam der Mitarbeiter sein neues Lieblingsspielzeug nicht aus purer Herzensgüte! Jetzt muss er zurückzahlen. Nicht bar oder mit Karte, sondern mit Freizeit.

Es gab Zeiten, da waren die Begriffe „online“ und „offline“ begrenzt auf die Welt der Computer. Ein Computer mit Verbindung zum Internet war online. Ein Computer ohne Verbindung zum Internet war offline. Heute kann vieles on- oder offline sein. Der Chef sagt im Meeting: „Das besprechen wir am besten offline.“ Will heißen: „Das besprechen wir ohne Zeugen.“ Selbst Menschen sind online. Wenn sie es nicht mehr sind, schreien sie panisch „Oh Gott, ich bin offline!“ Dabei könnten sie sich freuen. Offline sein bedeutet nämlich, nicht erreichbar zu sein. Kein Chef, der nachts um drei den Aktienkurs wissen will. Keine Schwiegermutter, die am Sonntagmorgen klingelt. Kein Kollege, der um halb zehn abends unnötige E-Mails verschickt – nur um zu beweisen, dass ER noch arbeitet. Offline bedeutet Freizeit und Freizeit bedeutet Freude und Spaß! Naja, zumindest war das früher einmal so…

Allerdings gebe ich zu, dass ich mir selbst diese Weisheit auch nicht immer zu Herzen nehme. Das wurde mir Montagnacht bewusst. Es war kurz vor elf. Und mir fiel ein, dass ich meinen täglichen Deutsch-Tipp auf Twitter vergessen hatte. Also schnappte ich mir mein Smartphone und twitterte einfach drauf los – ganz ohne noch einmal den Computer hochfahren zu müssen. In diesem Moment fand ich meine ständige Vernetzung ganz toll. Und so gesehen, hat sie mir in diesem Fall sogar Freizeit beschert. Weil ich nicht noch einmal den Computer anmachen musste. Also ist es gar nicht schlecht, immer online zu sein!

Oh je! Ich fürchte, dass das die Argumente eines Online-Junkies sind?

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