Home Deutsche Sprache, ... Bist du toller als wie ich?

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Ich erinnere mich noch genau an die Worte meiner Deutschlehrerin in der fünften Klasse: „Bei gleichen Vergleichen nimmt man „wie“. Bei ungleichen Vergleichen müsst ihr „als“ verwenden!“ Auf diesen Merksatz folgten dann viele Beispiele: ich bin größer als du, ich bin so schlau wie du, du bist hübscher als ich…

Diese Regel hat jedes Kind eingetrichtert bekommen – zumindest noch bis zu meiner Generation. Doch was ist geschehen? Ist es eine späte Revolte gegen Lehrer und die Schule? Boykottieren 80 Prozent der Bevölkerung Deutschregeln, so wie ich mich allem Mathematischen verweigere? Machen sie es absichtlich falsch, so wie ich aus Prinzip 3 plus 5 mit dem Taschenrechner rechne?

Ich spreche von Sätzen wie diesen:

„Arbeiten Griechen weniger wie wir?“
„Guttenberg war beliebter wie Merkel.“
„Der siebte Harry-Potter-Film ist besser wie der sechste.“
„Williams und Kates Hochzeit war schöner wie alle anderen.“

Positiv – Komparativ – Superlativ

Gleiche Vergleiche. Ungleiche Vergleiche. Selbstverständlich gibt es dafür auch Fachbegriffe:

Ein Adjektiv in seiner Grundform steht in der positiven Form. Diese bildet man mit dem normalen Adjektiv und dem Wörtchen „wie“: so schön wie, so stark wie, so toll wie, so schlecht wie etc.

Die erste Steigerungsform des Adjektivs nennt man Komparativ. Im Normalfall* wird hierfür die Endung -er an das Adjektiv gehängt, gefolgt von dem Wort „als“: schöner als, stärker als, toller als, schlechter als etc.

Der Superlativ zeigt die höchste Steigerungsform an. An das Adjektiv wird -ste(n) angehängt. Davor steht ein „am“ oder ein Artikel: am schönsten/die schönste Frau, am stärksten/der stärkste Mann, am tollsten/das tollste Essen, am schlechtesten/der schlechteste Witz etc.

Die zweifelhafte Rettung des „als“

Das „wie“ hat sich in unseren Sprachgebrauch hineingefressen – und gibt die eroberten Territorien nicht mehr her. Zu viele Nachahmer hat diese Form schon gefunden. Selbst im heute-journal berichtete ein Kommentator von den US-Vorwahlen: „Obama hat mehr Stimmen wie Clinton.“

Doch der Deutsche scheint zu spüren, dass ihm ein wichtiger Teil seines Wortschatzes verloren gegangen ist. Und er macht sich auf die Suche. Das musste ich letztens erfahren, als ich in der Stadt bummeln war. Ich suchte ein neues Sommerkleid – und fand eine sprachliche Katastrophe. Da meinte eine Verkäuferin zu ihrer Kollegin: „Sieh zu, dass du das so schnell als möglich fertig machst.“ In diesem Laden habe ich nichts gekauft!

Faszinierend! Man vertausche „wie“ mit „als“ und „als“ mit „wie“ und bezeichne das Ganze als lebendige Sprache. Denn das ist leider die Standardantwort aller Deutsch-Verdreher und Sprach-Verhunzer: „Deutsch ist eben eine lebendige Sprache.“ Und die, die sich an die Regeln halten, sind Spießer.

Ich sehe es schon kommen: Demnächst fragen wir „Als geht es dir?“ oder „Wie was gehst du an Fasching?“ Aber das nennt man dann wohl Fortschritt…

* Ausnahmen bestätigen die Regel. Der Wie-Als-Grundsatz bleibt davon aber unberührt – zumindest in der Theorie!

so groß wie – größer als – größt-
so gut wie – besser als – best-
so hoch wie – höher als – höchst-
so nah wie – näher als – nächst-
so viel wie – mehr als – meist-

8 Kommentare für diesen Artikel
  1. […] 20. Mai 2011: Bist du toller als wie ich? […]